Pm: Knapp 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Kundgebung gegen jeden Antisemitismus

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Vergangenen Samstagnachmittag, den 30 8., versammelten sich in der Göttinger Innenstadt knapp 120 Menschen zu einer Kundgebung unter dem Motto: „Gegen jeden Antisemitismus. In Göttingen, Deutschland, Europa und anderswo.“ Anlässlich der steigenden Zahl antisemitischer Übergriffe und Äußerungen in den vergangenen Monaten in Deutschland und ganz Europa sollte ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt werden.

In einer Pressemitteilung sprechen die veranstaltenden Gruppen von einem insgesamt guten Verlauf der Kundgebung. „In Anbetracht der erschreckenden antisemitischen Vorfälle der letzten Wochen halten wir es für nötig ein Signal der Solidarität zu senden, an Jüdinnen und Juden in Deutschland und anderswo“, so eine Sprecherin der Initiative gegen Antisemitismus. Jedoch verweise die relativ geringe Zahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die weit verbreitete Ignoranz gegenüber dem gesellschaftlichen Problem Antisemitismus, so die Sprecherin weiter.

In Redebeiträgen der jüdischen Kultusgemeinde, des DGB sowie der Gruppen OLAfA und sub*way wurde unter anderem auf die historische Kontinuität des Antisemitismus, die zunehmend bedrohliche Situation für Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa sowie auf ein mangelndes Verständnis von Antisemitismus hingewiesen.

„Es ist nicht jede blöde Äußerung antisemitisch, aber es ist viel mehr antisemitisch als gedacht“ heißt es im Aufruf der Initiative. Beispiele hierfür seien die derzeit häufig geäußerte Gleichsetzung von Israelis und Juden oder die Paranoia um eine angebliche jüdisch-israelische Medienverschwörung.

„Wir fordern insbesondere von der Friedensbewegung eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich verankerten Ideologie des Antisemitismus“, ließ die Initiative weiter verlauten. Antisemitismus sei keine schlecht formulierte „Israel-Kritik“, sondern eine gewaltsame Ideologie der es sich konsequent entgegen zu stellen gelte.

Redebeiträge

OLAfA

sub*way – communistisches kollektiv

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Gegen jeden Antisemitismus!

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… in Göttingen, Deutschland, Europa und anderswo …

Sonn­abend, 30. Au­gust, 15 Uhr
Altes Rat­haus/ Gän­se­lie­sel, Göt­tin­gen

Am 08. Juli 2014 be­gann die is­rae­li­sche Luft­waf­fe als Re­ak­ti­on auf den zu­neh­men­den Ra­ke­ten­ha­gel aus dem Ga­za­strei­fen mit dem Be­schuss von Orten, an denen sie Ha­mas-​Kämp­fer ver­mu­te­te. Kurz dar­auf ver­sam­mel­ten sich welt­weit Men­schen, um gegen den Krieg zu de­mons­trie­ren. Doch zu­meist ge­schah dies sehr ein­sei­tig: „Free Pa­les­ti­ne“ und „Kin­der­mör­der Is­ra­el“ waren die meist­ge­hör­ten Pa­ro­len, durch „Al­la­hu Akbar“ er­hiel­ten die Demos eine deut­lich re­li­giö­se, teil­wei­se mit Ha­mas-​ und gar Isis-​Fah­nen auch is­la­mis­ti­sche Aus­rich­tung.

Doch dabei blieb es nicht: In Göt­tin­gen wur­den De­mons­trie­ren­de, die Is­ra­el-​Fah­nen tru­gen, aus einer Free-​Ga­za-​De­mo her­aus an­ge­grif­fen, in Frank­furt er­hielt ein Rab­bi­ner Mord­dro­hun­gen, in Ber­lin wurde ein jü­di­sches Paar be­drängt, in Wup­per­tal gab es einen ver­such­ten Brand­an­schlag auf eine Syn­ago­ge, in Sar­cel­les, einem Vor­ort von Paris, wur­den ko­sche­re Ge­schäf­te an­ge­zün­det.

Gauck und Mer­kel zeig­ten sich be­trof­fen. Doch ihre Rede vom „im­por­tier­ten An­ti­se­mi­tis­mus“ schürt ras­sis­ti­sche Res­sen­ti­ments und ver­leug­net, dass An­ti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land Tra­di­ti­on hat. An­ti­se­mi­tis­mus zieht sich durch alle Mi­lieus und Bil­dungs­schich­ten. An­ti­se­mi­tis­mus ist ein ge­samt­ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem: 51 Pro­zent der Deut­schen sagen, die Is­rae­lis mach­ten das Glei­che wie die Nazis (laut Bie­le­fel­der In­sti­tut für Kon­flikt-​ und Ge­walt­for­schung).

An­ge­sichts der vie­len pa­läs­ti­nen­si­schen Toten ist es ver­ständ­lich, auf die Stra­ße zu gehen, um Wut und Trau­er Aus­druck zu ver­schaf­fen. Doch müs­sen die Frie­dens­be­weg­ten sich Kri­tik daran ge­fal­len las­sen, wie und mit wem sie da auf die Stra­ße gehen – das zei­gen die Pa­ro­len und Aus­schrei­tun­gen der letz­ten Wo­chen. Es gibt kein Tabu, die is­rae­li­sche Re­gie­rung zu kri­ti­sie­ren. Doch schaf­fen es dabei nur die we­nigs­ten, kei­nen An­ti­se­mi­tis­mus zu äu­ßern. Ge­ra­de an­ge­sichts des un­ab­läs­si­gen Ra­ke­ten­ha­gels auf Is­ra­el und der Toten auch auf is­rae­li­scher Seite, ist es not­wen­dig, eine un­ver­söhn­li­che Kri­tik des An­ti­se­mi­tis­mus der Hamas und der selbst­er­nann­ten „Is­rael­kri­ti­ker_in­nen“ zu for­mu­lie­ren. Das be­deu­tet für uns, sich all jenen ent­ge­gen zu stel­len, die das Exis­tenz­recht Is­raels di­rekt oder in­di­rekt in Frage stel­len.

Es kann je­doch nicht darum gehen, durch die Rede von den „schlecht in­te­grier­ten Mus­li­men“ den Blick vom all­ge­gen­wär­ti­gen deut­schen An­ti­se­mi­tis­mus ab­zu­len­ken. Ras­sis­ti­sche Deu­tun­gen leh­nen wir ent­schie­den ab.

Auch wenn es in die­ser kom­ple­xen Lage schwer fällt: Es gilt, sich weder der Ohn­macht hin­zu­ge­ben noch in iden­ti­tä­ren Po­si­tio­nen zu ver­har­ren, son­dern sich trotz aller An­stren­gung um einen dif­fe­ren­zier­ten Blick zu be­mü­hen.

Un­se­re Kund­ge­bung ist der Ver­such einer kri­ti­schen Pra­xis gegen An­ti­se­mi­tis­mus – für den Zwei­fel und gegen das Be­scheid­wis­sen! Grund­pro­blem der Ent­wick­lun­gen der letz­ten Wo­chen ist: Diese Ge­sell­schaft (und oft auch ihre Kri­ti­ker_in­nen) hat kei­nen Be­griff von An­ti­se­mi­tis­mus. Es ist nicht jede blöde Äu­ße­rung an­ti­se­mi­tisch, aber es ist viel mehr an­ti­se­mi­tisch als ge­dacht: die Gleich­set­zung von Is­rae­lis und Juden, die Pa­ra­noia um die jü­disch-​is­rae­li­sche Me­dien­ver­schwö­rung, die Dia­bo­li­sie­rung und die NS-​Ver­glei­che in Bezug auf das Han­deln der is­rae­li­schen Re­gie­rung, die An­nah­me nie­der­träch­ti­ger In­ten­tio­nen Ne­tan­ja­hus, das pa­läs­ti­nen­si­sche Volk zer­stö­ren zu wol­len….

An­ti­se­mi­tis­mus ist nicht ir­gend­wie schlecht for­mu­lier­te „Is­ra­el-​Kri­tik“, son­dern eine ge­walt­sa­me Ideo­lo­gie, mit der sich selbst­er­nann­te „Got­tes­krie­ger“, Neo­na­zis, Gün­ter Grass und ver­irr­te Linke die Welt er­klä­ren. Und sie äu­ßert sich nicht erst dann, wenn Jü­din­nen und Juden aus­ge­grenzt, be­schimpft, an­ge­grif­fen und ge­tö­tet wer­den.

Für ein Ende des Leids der Is­rae­lis, Pa­läs­ti­nen­ser_in­nen, Jü­din­nen und Juden über­all in der Welt!
Free Gaza from Hamas!
Gegen jeden An­ti­se­mi­tis­mus!

f*act, sub*way und OLAfA
Göt­tin­gen, Au­gust 2014